Kinderlos oder Single? Da greift der Staat beim Nachlass kräftig zu
Tages Anzeiger, 24.4.2026, Bettina Weber
Auf die Hinterlassenschaft von Alleinstehenden ohne Nachwuchs erheben die Kantone zum Teil über 50 Prozent Steuern, während innerhalb von Familien gratis vererbt wird.
In Kürze:
- Die Hinterlassenschaft von kinderlosen Singles wird mit dem höchsten Steuersatz belastet, während alle anderen gratis vererben können.
- Sylvia Locher von Pro Single Schweiz kämpft mit einer Einzelinitiative gegen diese Ungleichbehandlung.
- Die meisten Parteien lehnen die Initiative ab, da sie die Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft betrachten.
Singles ohne Kinder sollten nach Schwyz oder Obwalden ziehen. Ausgerechnet die beiden als konservativ verschrienen Kantone setzen auf Gleichberechtigung, wo alle anderen ein Zweiklassensystem kennen: beim Erben.
Denn ausser in Schwyz und Obwalden kommt es überall darauf an, wer vererbt. War die Person verheiratet oder hat sie Nachwuchs, fallen für die Begünstigten keine Steuern an. Das Erben ist gratis.
Ganz anders bei den kinderlosen Alleinstehenden: Wollen sie engen Freunden oder einer Betreuungsperson etwas vermachen, müssen diese dafür den höchsten Steuersatz für «Nichtverwandte» bezahlen, gratis erben können sie nicht. Bei einem Betrag von 500’000 Franken zum Beispiel werden im Kanton Zürich 140’400 Franken Steuern fällig, in Neuenburg 225’000 Franken und in Genf gar 268’296 Franken – mehr als die Hälfte der vererbten Summe.

Diese Ungleichbehandlung will Sylvia Locher von Pro Single Schweiz ändern. Sie hat deshalb eine Einzelinitiative eingereicht, die der Zürcher Kantonsrat am Montag debattiert. Locher sagt: «Das Vermögen von unverheirateten Kinderlosen und Verheirateten mit Kindern wird genau gleich gebildet. Es ist nicht einzusehen, weshalb die Weitergabe dieses Vermögens im einen Fall besteuert wird und im anderen nicht.» Sie fordert, dass eine Person bestimmt werden kann, die steuerfrei erbt.
Bürgerliche wie Linke finden die Benachteiligung der Singles bei der Erbschaftssteuer richtig
Es sieht allerdings nicht gut aus. Auf der bürgerlichen Seite findet man es richtig, dass Ehepartner und Familien beim Erben privilegiert behandelt werden, und will daran festhalten. Die SVP nennt die Ehe auf Anfrage eine «Wirtschaftsgemeinschaft», die schon durch die Annahme der Individualbesteuerung massiv geschwächt worden sei. Die Mitte spricht von Familien als «Verantwortungsgemeinschaften», was deren Steuerbefreiung rechtfertige. Die FDP argumentiert ähnlich, denn eine individuell bestimmte Person sei rechtlich nicht mit einem Ehegatten gleichzusetzen, «zumal die Ehe auch mit klaren Rechten und Pflichten verbunden ist».
Und auch bei den Linken scheint die Benachteiligung einer ganzen Bevölkerungsgruppe kein Thema zu sein. Die SP will den Antrag nicht unterstützen, «weil die Erbschaftssteuer nicht noch weiter abgebaut werden darf». AL und Grüne reagierten nicht auf eine Anfrage.
Sylvia Locher kämpft seit Jahren für die Anliegen der Singles
Es zeigt sich, was Sylvia Locher seit Jahren kritisiert: dass sich die Politik nicht sehr für die Bedürfnisse der kinderlosen Alleinstehenden interessiert. Ihr Geld nimmt man hingegen gerne: 1,4 Milliarden Franken an Erbschafts- und Schenkungssteuern flossen 2022 schweizweit in die Staatskassen. Da Familien davon in fast allen Kantonen befreit sind, kann davon ausgegangen werden, dass es vor allem die Nachlässe der Alleinstehenden waren, die der Allgemeinheit diesen Geldsegen bescherten. Sylvia Locher sagt: «Nie kommt der Staat so einfach an Geld, wie wenn Unverheiratete sterben, die keine Kinder haben.»
Tatsächlich haben die Alleinstehenden in der Politik keine Lobby – im Unterschied zu den Ehepaaren und den Familien, um die sich alle Parteien bemühen und die sie mit finanziellen Vergünstigungen für sich gewinnen wollen. Dabei handelt es sich bei jenen ohne Trauschein und ohne Nachwuchs nicht um eine vernachlässigbare Gruppe – Kinderlose machen 22 Prozent der Bevölkerung über 45 Jahre aus, und Fachleute schätzen, dass ihre Zahl pro Generation um 2 bis 3 Prozentpunkte zunehmen wird. Ein Indikator dafür ist eine Erhebung des Bundesamts für Statistik: 2013 erklärten 6 Prozent der Jungen, dereinst keine Kinder zu wollen, 2023 waren es bereits 17 Prozent.
Auch die Zahl der Eheschliessungen nimmt ab, in den letzten 10 Jahren um rund 15 Prozent. In der Bevölkerungsgruppe zwischen 30 und 75 Jahren ist bereits heute ein Drittel nicht verheiratet. Locher sagt: «Gegenseitige Unterstützung findet längst nicht mehr nur im familiären Umfeld statt. Der sozialen Familie kommt deshalb eine immer grössere Bedeutung zu.» Das sollte auch die Politik anerkennen, findet sie.
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