Singles fühlen sich von der Politik übergangen: «Wir wollen finanziell gleich behandelt werden wie die anderen»
NZZ, 27.7.2026, von Katharina Fontana
In der Schweiz leben rund 1,4 Millionen Personen allein. Eine starke politische Lobby haben sie nicht, dafür eine ganze Reihe von rechtlichen Benachteiligungen, wie Sylvia Locher vom Verein Pro Single Schweiz darlegt.
Zweifelhafte Komplimente ist sie gewohnt. Zum Beispiel: Sie sei doch so eine Nette und Aufgestellte, sie werde sicher irgendwann einen Mann finden. Jahrzehntelang hat sie solche Ermunterungen zu hören bekommen, als wäre sie allein unvollständig. Erst kürzlich habe ihr ein Politiker nach einer gemeinsamen Podiumsdiskussion auf die Schulter geklopft und gemeint, auch sie werde am Ende noch heiraten. «Da habe ich mich gefragt: Hat er überhaupt zugehört, was ich gesagt habe?»
Sylvia Locher ist die Präsidentin von Pro Single Schweiz, dem Verein für die Anliegen Alleinstehender. Die Singles machen in der Schweiz geschätzt einen Fünftel der Bevölkerung aus. Doch in der Politik wird ihnen tatsächlich nur wenig zugehört. Während sich die parlamentarischen Vorstösse zu den Familien, Alleinerziehenden, Witwen, Adoptiveltern, Geschiedenen und Ehepaaren häufen, hört man zu den Singles – nichts. Oder fast nichts.
Im Erbfall greift der Staat kräftig zu
Seit dreissig Jahren arbeitet Sylvia Locher für Pro Single Schweiz. Seit dreizehn Jahren ist die Kauffrau und Bewegungstherapeutin die Präsidentin und das Aushängeschild des Vereins. Mit ihrem munteren Auftreten vermittelt die 70-Jährige ein rundum positives Bild einer alleinstehenden Frau. Doch Locher und ihren Mitstreitern geht es nicht darum, für das Single-Sein Werbung zu machen und gute Gefühle zu wecken. Im Vordergrund stehen handfeste Anliegen. «Was uns wichtig ist: gleich behandelt zu werden wie die anderen Menschen, und zwar bei allen finanziellen Aspekten. Nicht besser – nur gleich.»
Die Liste der Ärgernisse ist lang. Sie beginnt bei Dingen, die man als Kleinigkeit ansehen mag, wie der Radio- und Fernsehabgabe, die pro Haushalt erhoben wird. Ein Single bezahlt den Betrag allein, die Paare teilen ihn sich. Für Sylvia Locher ist das ein typisches Beispiel, wie die Politik mit den Singles umgeht: «Man weiss, dass die Regelung gegenüber den Alleinstehenden nicht fair ist. Aber das sei ja nicht so schlimm, heisst es dann. ‹Wir haben grössere Probleme.› Oder: ‹Euch geht es doch insgesamt gut.›»
«Der Staat bedient sich am Nachlass der Alleinstehenden»
Definitiv keine Kleinigkeit sind die Erbschaftssteuern. Stirbt eine verheiratete Person, muss der Ehegatte auf das Erbe keine Steuern bezahlen, auch die direkten Nachkommen sind in den allermeisten Kantonen davon befreit. Bei den Alleinstehenden hingegen greift der Staat kräftig zu. Wer einem lebenslangen Freund 500 000 Franken hinterlassen möchte, kann das zwar tun. Doch der Freund muss dann je nach Kanton einen Drittel bis die Hälfte des Erbes dem Staat abgeben.
Konkubinatspartner fahren hier in den meisten Kantonen deutlich besser. Laut einem Vergleich des Vermögenszentrums (VZ) zahlt in Basel-Stadt der Konkubinatspartner bei einem Nachlass von 500 000 Franken rund 50 000 Franken Erbschaftssteuer, der Freund hingegen dreimal so viel, nämlich über 150 000 Franken. In Luzern zahlt der Konkubinatspartner keine Erbschaftssteuer und der Freund 190 000 Franken.
Die Tabelle zeigt die Steuerbeträge 2026 für eine Erbschaft von 500'000 Franken unter Berücksichtigung der kantonal unterschiedlichen Freibeträge, Angaben in Schweizerfranken.
NZZ / ida.
Sind solche Unterschiede gerecht? Für Sylvia Locher ist die Antwort klar: «Der Staat bedient sich am Nachlass der Alleinstehenden.» Sie reichte kürzlich im Zürcher Kantonsrat eine Einzelinitiative ein, die verlangte, dass auch kinderlose Unverheiratete ihr Vermögen steuerfrei einer anderen Person vererben dürften. Der Vorstoss wurde deutlich abgelehnt. «Bei den Linken hiess es: ‹Wir sind durchaus für Gleichstellung, wir sehen das Problem, doch wir brauchen euer Geld.› Und die Bürgerlichen bevorzugen Ehe und Familie. Das finde ich nicht richtig. Warum hat die eine Beziehung mehr Wert als die andere?»
Nur alleinerziehende Mütter und Witwen seien interessant
Der Verein Pro Single Schweiz ist politisch neutral. Seine Politik aber kommt eher bürgerlich daher, da der Vorstand Verteilmechanismen nach dem Giesskannenprinzip ablehnt. Man steht für Eigenverantwortung und einen schlanken Staat. Die Sozialversicherungen sollen nur dort greifen, wo es nötig ist. «Als Beispiel die Witwenrente: Wenn eine Frau kleine Kinder hat und der Mann stirbt, dann ergibt die Witwenrente durchaus Sinn. Doch wenn die Kinder schon lange erwachsen sind, warum kann die Witwe dann nicht selbst Geld verdienen, wie dies unverheiratete Frauen – und übrigens praktisch alle Männer – auch tun? Ein Ehepaar kann sich schliesslich auch privat für den Todesfall absichern.»
Locher stört sich auch daran, dass eine ledige Frau mit kleinem Einkommen, die ihr Leben lang voll berufstätig war, am Ende eventuell weniger AHV-Rente erhält als eine Frau, die jahrelang zu Hause war und der Erziehungsgutschriften angerechnet werden. «Das kann doch nicht sein!»
Ein anderes Beispiel sind die Zusatzrenten für AHV-Bezüger, die minderjährige Kinder haben beziehungsweise deren Kinder noch in Ausbildung sind. Das brauche es nicht, findet Locher. «Wenn Männer im fortgeschrittenen Alter noch eine Familie gründen wollen, sollen sie das selbst bezahlen. Ihre jüngeren Frauen können ja berufstätig sein und für das Einkommen sorgen. Ich sehe nicht ein, warum für solche Familienkonstellationen die Sozialwerke beansprucht werden.»
Es gebe eigentlich nur zwei Gruppen von Alleinstehenden, die politisch interessierten: alleinerziehende Mütter und Witwen. «Die Linke findet, man müsse diese Frauen schützen, auch wenn es unter ihnen viele gibt, die seit zwanzig, dreissig Jahren nicht mehr berufstätig waren.» Und die Bürgerlichen? Hier schwinge viel Paternalismus und ein überholtes Frauenbild mit, vor allem bei der Mitte und der SVP. Die Mütter und Witwen hätten immerhin schon einmal einem Ehemann beigestanden und versucht, ihrer Pflicht als Frau nachzukommen. «Deshalb ist man ihnen gegenüber grosszügig und gibt ihnen Renten möglichst bis ins Grab. Das ist ein Affront für alle Frauen und Männer, die allein für ihr Leben aufkommen.»
Auch bei der beruflichen Vorsorge erleben Singles Nachteile: Von den Altersguthaben der Alleinstehenden bleiben bei ihrem Ableben erhebliche Vermögen in den Pensionskassen. Die zweite Säule fusse auf einem individuellen Sparprozess, deshalb müssten die Versicherten im Prinzip darüber bestimmen können, wem das Geld nach ihrem Ableben gehören soll, fordert Locher.
Analyse zur Situation der Alleinstehenden steht noch aus
Über die Gruppe der Alleinstehenden weiss man relativ wenig. Es gibt einen einzigen Bericht des Bundesrates von 2023, der sich mit den Singles befasst. Gemäss diesem leben rund 1,4 Millionen Personen in der Schweiz allein. Es gibt unter ihnen ungefähr gleich viele Frauen wie Männer. Das Ausbildungsniveau und das Einkommen dieser Gruppe liegen im Grossen und Ganzen im Schweizer Durchschnitt. Man kann sagen: Die Singles sind unauffällig. Doch sehr viel mehr erfährt man aus dem Bericht nicht.
Der Ständerat hat 2023 ein Postulat des Freisinnigen Andrea Caroni angenommen. Der Bundesrat soll eine vertiefte Analyse liefern, wie der Staat mit den Alleinlebenden umgeht, namentlich bei den Steuern, den Sozialversicherungen und weiteren Transfers von den Singles hin zu anderen Lebensformen.
Sylvia Locher wartet mit Ungeduld auf den Bericht, den das Bundesamt für Sozialversicherungen liefern soll. Man brauche endlich Zahlen, um die Umverteilungen zu sehen. Sie ist überzeugt davon, dass die Singles, die in der Regel in hohen Pensen tätig seien, überdurchschnittlich viel zum Steueraufkommen beitragen und den Staat finanzieren. «Ich würde auch gerne erfahren, wie viel der 1,5 Milliarden Franken Erbschaftssteuer, die jährlich fliessen, aus dem Nachlass der Alleinstehenden stammen.»
Man wisse nicht einmal, wie viele ewig Ledige es gebe. Der Bundesrat bezeichne das Single-Sein als vorübergehende Phase im Leben. «Das trifft nicht zu. Es gibt sehr viele Personen, die ihr Leben lang allein wohnen, und diese Lebensform wird einfach übergangen. Die 1,4 Millionen Einpersonenhaushalte sind nicht einfach alles Zwischenstationen.»
«Oben stehen die Familie und die Ehe, unten stehen wir»
Die unterschiedliche Behandlung bei Steuern und Sozialversicherungen und das allgemeine Desinteresse führt Sylvia Locher darauf zurück, dass die Alleinstehenden in der Gesellschaft nicht den gleichen Stellenwert hätten wie Paare. «Oben stehen die Familie und die Ehe, unten stehen wir. Viele halten Singles auch für egoistisch, nach dem Motto: Ihr müsst für niemanden schauen. Und natürlich: Im eidgenössischen Parlament sind drei Viertel der Mitglieder verheiratet, und vom restlichen Viertel wahrscheinlich die Mehrheit verbandelt.»
Hinzu komme, dass viele Leute nicht öffentlich darüber reden wollten, dass sie allein seien. Das sei noch immer mit Scham behaftet. «Kürzlich erhielten wir eine grössere Spende von einem Single mit der Begründung, er sei froh, dass jemand hinstehe für die Alleinstehenden. Er könne das nicht mehr tun, denn er werde immer belächelt. Viele Mitglieder erzählen mir von dieser Scham oder davon, als Single nicht wahrgenommen zu werden.»
Von den Medien wünscht sich Sylvia Locher mehr Ernsthaftigkeit und weniger Klischeedenken. So erhalte sie vor Weihnachten regelmässig Anrufe von Journalisten, die wissen wollten: «Wie geht es einem an Weihnachten, wenn man allein und einsam ist?» Sie sage dann immer, Einsamkeit sei keine Frage der Lebensform. «Verheiratete werden nie gefragt, ob sie glücklich sind.»
Alleinsein als Trend bei jungen Frauen
Im Laufe der Zeit hat sich gesellschaftlich aber einiges getan. Einzelpersonen in Restaurants oder Cafés sind keine ungewöhnliche Erscheinung mehr. Niemand wird schräg angeschaut, wenn er allein ins Kino geht oder einen Berg hochwandert. Bei jüngeren Frauen wird das selbstbestimmte Alleinsein, das unabhängige Leben, derzeit gar richtiggehend zelebriert. «Im Moment ist Single-Sein in Mode, da hat sich viel Positives getan. Doch für viele Alleinstehende braucht es noch immer grosse Überwindung, sich allein in die Welt zu wagen», sagt Locher. Wer aber den Schritt erst einmal gemacht habe, erlebe ein Gefühl von Freiheit. «Und man lernt fast immer neue Leute kennen.»
Auch sonst spürt Sylvia Locher, dass man ihr heute anders begegnet. «Jetzt, mit 70 Jahren, sagen mir viele gleichaltrige Frauen: ‹Ja, du hast es gut.› Früher haben sie mich bemitleidet, weil ich nicht verheiratet war. Heute sind sie fast ein bisschen neidisch auf mich.»
Ihr grosser Wunsch an die Gesellschaft und die Politik ist: Man solle akzeptieren, dass es verschiedene Lebensformen und Zivilstände gebe. Es sei nicht richtig, die eine Gruppe zu bevorzugen und im gleichen Zug eine andere völlig zu vernachlässigen. «Alleinstehende sind keine Randgruppe, die unterstützt und geduldet werden muss. Im Gegenteil, sie beteiligen sich gesellschaftlich und finanziell umfassend am Staat.»
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