Zwischen Beziehungsideal und Lebensrealität – Wie sich das Bild der Singles wandelt
Bulletin 1/26, Pro Single Schweiz, von Katja Rost*
Singles sind längst keine Randerscheinung mehr – und dennoch werden sie häufig als solche wahrgenommen. In Medien, Politik und Alltag hält sich hartnäckig das Bild vom bedauernswerten Alleinstehenden, der nur auf die «richtige» Beziehung wartet. Doch die Realität ist weitaus vielschichtiger. Während öffentlich oft von einer «Zunahme der Singles» die Rede ist, zeichnen empirische Daten aus der Schweiz ein differenzierteres Bild.
Stabile Zahlen, wandelnde Wahrnehmungen
Laut dem Schweizer Haushaltspanel hat sich der Anteil der Singles zwischen 30 und 40 Jahren von 1999 bis 2023 kaum verändert. Der häufig beschworene «Single-Boom» findet in dieser zentralen Lebensphase also nicht statt. Zwar gibt es leichte Zunahmen bei Männern mit tieferer Bildung, doch bleiben diese Veränderungen moderat.
Die verbreitete Vorstellung einer zunehmenden gesellschaftlichen «Vereinzelung» beruht meist auf einer anderen Datenbasis: Betrachtet man die gesamte Bevölkerung, steigt der Anteil der Alleinlebenden tatsächlich – allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Junge Erwachsene leben heute länger zu Hause oder ohne feste Partnerschaften, weil Ausbildung, Berufseinstieg und Familiengründung später erfolgen. Gleichzeitig trennen sich ältere Paare häufiger als früher – nicht zuletzt aufgrund veränderter sozialer Normen und der gestiegenen ökonomischen Unabhängigkeit, insbesondere von Frauen.
Die nüchterne Bilanz: Menschen in der Schweiz leben weiterhin gern in Beziehungen – nur später, und nicht unbedingt für immer.
Single-Sein als gleichwertige Lebensform
Parallel zu diesen Entwicklungen wandelt sich das gesellschaftliche Verständnis von Partnerschaft und Singlesein. Ein Leben ohne festen Partner oder feste Partnerin gilt zunehmend als eigenständige, gleichwertige Lebensform – nicht mehr als defizitäre Zwischenphase. In westlichen Gesellschaften wächst der Anteil jener, die bewusst allein leben.
Dieser Wandel zeigt zugleich, wie stark traditionelle Beziehungsnormen nachwirken. Noch immer gilt für viele ein erfülltes Leben als solches mit Partner oder Familie. Wer allein lebt, sieht sich daher häufig subtiler Stigmatisierung ausgesetzt.
Neuere Forschung widerspricht dem Klischee des unglücklichen Singles deutlich. Eine gross angelegte Längsschnittstudie aus Deutschland und dem Vereinigten Königreich mit über 17 000 Jugendlichen zeigte: Zwar erleben Menschen in Partnerschaften kurzfristig etwas mehr Lebenszufriedenheit und geringere Einsamkeit, langfristig bestehen jedoch kaum psychische Unterschiede. Die beinahe triviale Erkenntnis lautet: Die erste romantische Beziehung steigert das Wohlbefinden – ist aber kein Garant für dauerhaftes Glück.
Auch Daten des Schweizer Haushaltspanels bestätigen: Singles sind tendenziell etwas unzufriedener als Menschen in Partnerschaften, jedoch betrifft das vor allem die Altersgruppe zwischen Ende 20 und Anfang 40. Interessanterweise ist dieser Effekt unabhängig vom sogenannten Fertilitätsgap – also der Differenz zwischen gewünschter und tatsächlich erreichter Kinderzahl.
Wohlbefinden jenseits der Beziehung
Entscheidend für das Wohlbefinden ist, ob jemand freiwillig oder unfreiwillig Single ist. Wer bewusst allein lebt, berichtet häufiger von mehr Autonomie, Selbstzufriedenheit und persönlichem Wachstum. Studien zeigen, dass Singles oft intensivere Freundschaften pflegen, mehr Zeit in Bildung und Beruf investieren und grössere Flexibilität im Alltag geniessen.
Das gängige Defizitmodell – Singles seien unglücklich, weil sie allein sind – lässt sich empirisch kaum halten. Lebenszufriedenheit hängt weit weniger vom Beziehungsstatus ab als von sozialer Eingebundenheit, Gesundheit, wirtschaftlicher Stabilität und gesellschaftlicher Akzeptanz.
Gleichwohl verspüren viele Alleinstehende, insbesondere in den späten Zwanzigern und frühen Dreissigern, einen subtilen Druck, wenn Familie und Freundeskreis Kinder bekommen. Dieses «Zurückbleiben-Gefühl» kann emotional belastender sein als die Lebenssituation selbst – ein deutliches Zeichen dafür, wie stark gesellschaftliche Normen unsere Selbstwahrnehmung prägen.
Ungleiche Solidarität?
Politisch wird das Thema häufig aus einem finanziellen Blickwinkel betrachtet. Singles benötigen beispielsweise mehr Wohnraum und haben seltener Kinder. Gleichzeitig arbeiten sie jedoch überdurchschnittlich oft in Vollzeit oder hohen Arbeitspensen. Der Gedanke, Singles leisteten per se weniger gesellschaftlichen Beitrag, greift daher zu kurz.
Unsere Gesellschaft versteht Wahlfreiheit – mit all ihren Vor- und Nachteilen – als hart erkämpften Fortschritt. Diesen gilt es zu bewahren. Natürlich muss das Solidaritätsprinzip immer wieder hinterfragt und diskutiert werden – aber mit Bedacht und unter Berücksichtigung aller Facetten. Andernfalls droht Spaltung statt Zusammenhalt.
* Prof. Dr. Katja Rost, Universität Zürich, Soziologisches Institut
Die Sozialwissenschaftlerin lehrt und forscht an der Uni Zürich als Professorin und Privatdozentin für Wirtschaftswissenschaften.