Evidenzbasierte Familienpolitik in der Schweiz: Was wirkt wie?

Referat von Melanie Häner-Müller, Dr. oec. / IWP - Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern, 25.4.26

Anlässlich unserer Generalversammlung vom 25. April 2026 stellte Dr. Melanie Häner-Müller vom IWP Resultate aus ihrer neuen Studie «Evidenzbasierte Familienpolitik in der Schweiz: Was wirkt wie?» vor, die sie zusammen mit Nina Kalbermatter und Prof. Dr. Christoph A. Schaltegger auf der Grundlage aktueller Daten und wissenschaftlicher Literatur erarbeitet hat. Daniel Billeter, Vorstand Pro Single Schweiz, fasst das Referat zusammen:

Obwohl der Anteil der Ausgaben für Kinder und Familien an den gesamten öffentlichen Ausgaben in der Schweiz im europäischen Vergleich tief ist, ist auch der Anteil der armutsbetroffenen Familien mit Kindern in der Schweiz sehr tief. Die meisten Familien sind finanziell gut abgesichert und stehen nicht schlechter da als andere Haushaltstypen. Weiter zeichnet sich die Schweiz durch eine hohe Einkommensmobilität aus, d.h. das Einkommen der Kinder hängt nur schwach vom Einkommen der Eltern ab. Die subjektive Zufriedenheit der Familien in der Schweiz ist überdurchschnittlich, finanzielle Schwierigkeiten sind selten. Die wichtigste Herausforderung aus Sicht der Betroffenen: Über 50 % der unter 40-jährigen Eltern bezeichnen ein partnerschaftliches Teilzeitmodell mit geteilter Betreuung als ideales Familienmodell, jedoch wird dieses Modell von weniger als 9 % der Familien umgesetzt.

Die folgenden Grafiken zeigen, dass Familien nicht überdurchschnittlich von Armut betroffen sind und auch nicht über eine tiefe Sparquote verfügen. 

Grafik Einkommensarmutsquote
Grafik: Sparquote

 

Quellen: BSV (2025), BFS (2024)

Gesellschaftlicher Wandel
Die Debatte über die Familienpolitik erfolgt im Kontext des gesellschaftlichen Wandels. Anstieg des Bildungsniveaus und Angleichung zwischen Frauen und Männern, höhere Erwerbsquote der Frauen, weniger Kinder und spätere Geburten sowie die Abnahme der Familien mit klassischer Rollenverteilung mit dem Ehemann als Alleinernährer verändern die Anforderungen an die Familienpolitik.

Familienpolitik eine Staatsaufgabe?
Da die finanzielle Situation von Familien nicht generell schlecht ist, stellt sich die Frage, wie die Rolle des Staates in der Familienpolitik begründet werden kann. Gerechtfertigt sind Massnahmen, welche die Effizienz fördern oder der Gerechtigkeit dienen und somit einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen generieren. Stichworte dazu sind Arbeitsmarktbeteiligung, Humankapital durch Bildung, Entscheidung Kinder ja oder nein, Armutsbekämpfung und Chancengerechtigkeit.

Elternzeit
Mutterschaftsurlaub von wenigen Monaten Dauer hat einen positiven Effekt sowohl im Bereich der Erwerbstätigkeit als auch der kindlichen Entwicklung. Bei längerer Dauer kippt die Wirkung ins Negative, da der Wiedereinstieg erschwert wird. Bezahlte Auszeiten für Väter haben kaum Auswirkungen auf deren Erwerbstätigkeit. Fixe Vätertage verbessern die gleichmässige Verteilung der Betreuungsarbeit. Je länger die Elternzeit, desto stärker wird die elternhausbedingte Ungleichheit zementiert.

Kitasubventionen
Kitasubventionen erhöhen die Erwerbstätigkeit von Müttern vor allem bei tiefen Einkommen, während bei höheren Einkommen Mitnahmeeffekte wichtiger werden. Ebenso reduzieren Väter im Gegenzug ihre Erwerbstätigkeit. Insgesamt ist die Wirkung moderat. Auswirkungen auf die Fertilität hängen davon ab, ob gleichzeitig die anderen Rahmenbedingungen verbessert werden. Hochwertige Kitaangebote zeigen eine deutliche Wirkung auf die Chancengerechtigkeit für familiär benachteiligte Kinder, die in der Praxis aber am wenigsten erreicht werden.

Zulagen und Steuerabzüge
Zulagen sind einerseits ein wirksames Mittel zur Armutsbekämpfung und wirken damit positiv im Bereich Humankapital, sind aber mit negativen Arbeitsanreizen verbunden. Auf die Fertilität haben Zulagen keine langfristigen Auswirkungen. Anfängliche Erhöhungen sind nur von kurzer Dauer. Steuerabzüge können die Arbeitsmarktbeteiligungen erhöhen, wenn sie an eine Erwerbstätigkeit gebunden sind.

Fazit: Gutes Fundament, gezielter Handlungsbedarf
Familien sind finanziell gut gestellt. Der Fokus der Politik sollte sich von der reinen Ausgabenhöhe auf die Wirksamkeit der bestehenden Instrumente richten: Eingreifen bei Marktversagen und ungleichen Startchancen, Erwerbsanreize stärken, Armutsrisiken reduzieren, Chancen von Kindern verbessern. Der Einfluss der Politik auf den gesellschaftlichen Wandel ist begrenzt. Das Grundprinzip sollte sein: Freiheit der Familienorganisation sichern durch passende Rahmenbedingungen.

PDF des Vortags

IWP-Studie Staatliche Unterstützung für Familie: Was wirkt wie?

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